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"Zeigen, dass wir Deutsche sind"

"High spirits" auf der Integrations-Oase. Hunderttausende Türken werden am Freitag beim Spiel gegen Argentinien für Deutschlands Nationalmannschaft fiebern. Auf Berliner Straßen und Amtsstuben ist zu erfahren, warum.

Berlin, 29. Juni 2006. Ein Imbiss in Berlin-Kreuzberg. Es riecht nach Gebratenem, hinter einer Glastheke lagert geschnittenes Gemüse, in der Ecke dreht sich ein Dönerspieß. Ankommende Besucher grüßen das Personal auf türkisch, wer nichts bestellt, wechselt zumindest ein paar Worte mit dem Betreiber. Das sonst eher leere Imbissgestühl an den Tischen ist heute gut besetzt: Ein Fernsehschirm in der anderen Ecke überträgt das Achtelfinal-Spiel Deutschlands gegen Spanien. Viele Männer und Jungs sind da, wenige Mädchen. Da trifft Podolski in der achten Minute. "Toooor" brüllt es aus Dutzenden Kehlen, die Männer springen auf, Getränke schwappen aus Gläsern.

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg leben Zehntausende türkische Zuwanderer und ihre Nachkommen, teils seit drei Generationen. Mehr als zwei Millionen sind es in ganz Deutschland. Allerlei Kneipen und Imbisse flaggen in diesen Tagen in Kreuzberg schwarz-rot-gold, die Tür eines Billigladens ziert gar der Bundesadler.

Dass die Türken für die deutsche Nationalelf fiebern, liegt nicht nur daran, dass die Türkei bereits in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft ausschied. Es gebe eine Million Kinder türkischer Migranten in Deutschland, "für die ist Deutschland die erste Heimat", sagt Taciddin Yatkin, Präsident der Türkischen Gemeinde Berlin. "Wir fühlen uns hier als fester Bestandteil, deshalb schlagen unsere Herzen für Deutschland." Lediglich die erste und zweite Migrantengeneration betrachte Deutschland als die zweite Heimat und die Türkei als ihre eigentliche.

Wenige Schritte von der Imbisskneipe liegt am Berliner Maybachufer der Türkische Markt. Entlang des Landwehrkanals bieten die Händler auf ihren hölzernen Verkaufstischen Gemüse, Obst, Käse, Oliven auch verschiedene Sorten Tuch. Markisen schützen die Früchte vor der sengenden Sonne. Auf dem Gehsteig zwischen den Ständen und den Häuserfassaden drängen die Kunden entlang, Tüten und Taschen in den Händen.

Fatma Seker zieht einen Rollwagen hinter sich her. Seit 30 Jahren lebe sie hier, sagt die Frau, deren Haar ein Kopftuch verhüllt. Sie sei kein wirklicher Fußballfan, aber dennoch für Deutschland. "Ich lebe hier, und ich lebe mit den Deutschen zusammen", begründet sie ihre Sympathie für Klinsmanns Truppe. Auch Coban Mirac ist in der Türkei geboren. "Deutschland soll Weltmeister werden", sagt der Mittzwanziger. "Ich lebe hier, ich esse hier, ich trinke hier." Auch Kaya-Dögan Nurgun wird am Freitag mitfiebern, wenn Deutschland gegen Argentinien antritt. Sie lebe seit Jahrzehnten in Deutschland, deshalb sei das selbstverständlich. "Ich weiß gar nicht genau, warum. Ich bin hier aufgewachsen und mag dieses Land."

Unter vielen der Marktstand-Markisen wehen schwarzrotgoldene Flaggen. Unter einer hat Isa Denizkurt Stoffballen ausgebreitet. Kunden prüfen die Ware zwischen den Fingern, der Textilhändler rollt aus, bietet an, schneidet ab oder rollt wieder ein. Denizkurt erzählt beglückt von einem Besuch auf dem Kurfürstendamm nach dem Spiel gegen Polen. Die vielen Türken dort mit Deutschlandflaggen in den Händen "sind gemeinsam mit den Deutschen ausgeflippt". Als Fußballfan fügt er sich in sein Schicksal: "Wir sind hier in Deutschland, die Türkei ist nicht dabei, also halte ich für Deutschland die Daumen."

Auch allgemein bringt die Weltmeisterschaft die Türken näher an die Deutschen heran, wie Gemeinde-Präsident Yatkin betont. "Wir haben wenige Gemeinsamkeiten, aber über den Fußball kann man sich kennen, Sport verbindet. Er ist wichtig zum Abbau von Vorurteilen." Auch für Berlins Integrationsbeauftragten Günter Piening ist das Turnier "eine große Party mit einem großen Gemeinschaftsgefühl". Daran habe es in den letzten Jahren gefehlt.

Doch die gemeinsame "Teilhabe an den high-spirits" löse die Probleme der Migranten nicht automatisch, sagt Piening. Die Meisterschaft sei "kein Paradies, aber eine Oase", die sich integrationspolitisch nutzen lasse. "Die vier Wochen schaffen ein Hochgefühl, an das man in den Alltagszeiten nach der WM wieder anknüpfen kann".

Auch der Gardinenhändler Ayhan Yalcin sieht das so. Sein Laden liegt hinter einem unscheinbaren Schaufenster direkt am Türkischen Markt am Kanal. Die Sympathien zwischen Türken und Deutschen habe ihn geradezu überrascht, sagt der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern. "Es ist das erste Mal, seit Türken in Deutschland leben, dass die Türken mal so richtig zeigen können, dass sie auch Deutsche sind."

Doch die große Gemeinsamkeit zwischen Halbmond und Bundesadler ist auch dem Ergebnis der WM-Qualifikation geschuldet. Präsident Yatkin jedenfalls rät dazu, den Nationalstolz der türkischen Zuwanderer nicht zu unterschätzen: "Wenn die Türkei bei der Weltmeisterschaft dabei wäre, würden natürlich die meisten Türken zur Türkei halten!" ...zurück von Tilman Steffen