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Versteckspiel statt Gedenken

Berlin, 10. Mai 2006. Wer hätte das gedacht? Nicht Hakenkreuz-Schmierereien bestimmten die Schlagzeilen der ersten Tage nach Eröffnung des Holocaust-Mahnmals vor einem Jahr. Nicht Mahnmal-Initiatorin Lea Rosh, die in ihrer Rede zur Eröffnung Gäste mit einer Idee schockierte:

Sie wollte den Backenzahn eines Auschwitz-Opfers in einer der mächtigen Mahnmal-Stelen beerdigen. Nein, die Titel der Zeitungen zierten Schnappschüsse von Kindern und Jugendlichen, die den wogenden Säulenhügel im Herzen Berlins als Hüpfparcours in Gebrauch nahmen.

Entworfen von dem Architekten Peter Eisenman, erinnert das Feld aus 2.711 Betonquadern im Herzen Berlins an die sechs Millionen während der NS-Zeit ermordeten Juden Europas. Seitdem hat Regen die Stelen fleckig werden lassen, erste Pflastersteine schimmern moosgrün. Ein Rekordwinder verstopfte die Gänge mit Schnee. Doch seit die Frühlingssonne die anthrazitfarbenen Betonsockel erwärmt, lagern meist jüngere Besucher darauf.

Etwa 10.000 Menschen kommen täglich hierher. So haben die Sicherheitsleute gut zu tun, die nicht wenigen Stelenspringer von den bis zu 4,70 Meter hohen Stelen zu holen. Drauf sitzen ist erlaubt, stehen nicht, belehren Tafeln am Mahnmalrand. "Es ist auch gefährlich", sagt einer der beiden blaugrau uniformierten Aufpasser. "So alle zwei Wochen etwa muss ich den Krankenwagen rufen."

Das von 139 Gängen längs und quer durchzogene Stelenfeld ist für seine Besucher zuvorderst ein Erlebnis, ein Kunstwerk, das nach Interpretation verlangt: Es bleibe der Wunsch "jemand möge die Symbolik des Stelenfelds erklären", äußert einer. Ein anderer glaubt, in der sanften Steigung der Stelenmatrix eine "langsam, zu Leichenbergen anwachsende Mordlawine" zu erkennen.

Der Rundgang im Dokumentationszentrum unter der Erde löst noch stärkere Reaktionen aus: "Ich schäme mich des Versagens meiner deutschen Eltern und Verwandten", schreibt ein 64-jähriger ins Gästebuch. Etwa eine halbe Million Menschen aus aller Welt streifte seit Eröffnung durch das Dämmerlicht der Räume im "Ort der Information".

Entlang der Tagebuchzitate, der Namen und der Opferzahlen, die den monströsen Schrecken der NS-Zeit in Erinnerung rufen. Die zeigen, "wie grausam Menschen miteinander umgehen können". So beschreibt es ein Besucher.

Manche Besucher zeigen sich hilflos und können dem Betonfeld über der Erde "nicht viel abgewinnen", denn "Schicksale lassen sich nicht in exakt geformten, langweiligen Betonblöcken darstellen". Einer argumentiert, "Erinnern muss in Jedem betrieben werden und kann nicht in einem Stein ausreichen". Mancher pflichtet Kritikern wie dem früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, bei und verlangt die Namen derer zu benennen, "die diese Verbrechen begangen haben". Andere loben den 28 Millionen Euro teuren Bau: "So bleibt der Mord an sechs Millionen Juden nicht einfach eine große Zahl." Ein weiterer zeigt sich glücklich "über das Privileg, in einem freiheitlich-demokratischen Staat zu leben".

Für den Geschäftsführer der Mahnmal-Stiftung, Uwe Neumärker, ist sein Denkmal "ein phänomenaler Erfolg". Die Menschen hätten es angenommen, "allen Unkenrufen zum Trotz". Mahnmal-Mitinitiatorin Lea Rosh sieht "die Botschaft bei den Menschen angekommen". Ihr Ziel, "Erinnern, Ehren und den Opfern ihre Namen zurückgeben, das alles hat funktioniert", sagt die Vorsitzende des Mahnmal-Förderkreises. Den Backenzahn beerdigte sie im Sommer in aller Stille auf dem Gelände des Vernichtungslagers Belzec.

Doch die derzeit direkt am Ostrand des Stelefelds empor wachsenden Pavillons entzweien beide. Neumärker freut sich auf Cafés, Toiletten und sogar eine Aussichtsplattform für Mahnmalbesucher und sieht "dadurch viele Probleme gelöst". Für Rosh sind die Holzbauten dagegen eine "unerträgliche Fressmeile, die den Rahmen dessen sprengt, was wichtig und gut ist". Rosh fürchtet um die Ruhe am Mahnmal. Die Ursache des Ärgers: Zwischen Reißbrett und Baugrube erfuhren die Baupläne eine unerklärliche Metamorphose: Selbst Neumärker bestätigt, dass die Pavillons "jetzt anders aussehen als im Entwurf", den die Baubehörde ihm zur Kenntnis gab. Doch rechtlich gibt es kein Gegenmittel, erklärt Neumärker, der Bau ist nicht zu stoppen.

Auch Stelenspringer werden weiterhin von Quader zu Quader federn, und das Kreuz und Quer der Laufgänge wird Kinder immer wieder zum Herumtollen verführen. Der zwölfjährige Max entschuldigt sich im Gästebuch stellvertretend für seine Generation: "Ich finde das Mahnmal schön, allerdings lenkt das Verlangen, Verstecken zu spielen, etwas vom Gedenken ab." ...zurück von Tilman Steffen

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