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„Den Gegner vernichtend schlagen“ - Vor 50 Jahren entstand die Nationale Volksarmee der DDR
veröffentlicht in Lausitzer Rundschau

Berlin, 1. März 2006. Die Übernahme der Nationalen Volksarmee der DDR durch die Bundeswehr verlief weit gehend kollegial. „Bis null Uhr des 3. Oktober 1990 haben die Neuen draußen vor dem Tor gewartet, dann kamen sie rein und wurden vorgestellt“, erinnert sich Heinz Bohlig, damals in der Kaserne Geltow bei Potsdam oberster Aufsichtsführer über die Bauprojekte der NVA-Landstreitkräfte.

Foto: Tilman Steffen

Ex-Kommandeur Bohlig vor der Kaserne in Golm bei Potsdam

"Am Morgen waren plötzlich andere Leute in anderen Uniformen da. Man ging gemeinsam frühstücken und übergab die Dienstaufgaben.“ Per letztem Befehl hatte zuvor DDR-Abrüstungsminister Rainer Eppelmann sämtliche Arbeiter- und Bauern-Streitkräfte von ihrem Eid entbunden. Am Fahnenmast des Geltower Appellplatzes wich das Ährenkranz-Symbol der DDR dem Bundesadler, vor den Augen Bohligs und der in Linien angetretenen Potsdamer Truppe. Fortan war der Verteidigungs-Ressortchef der Regierung Helmut Kohl, Gerhard Stoltenberg, oberster Befehlshaber.

Eher stille Geburt

Rund 9.000 länger dienende NVA-Offiziere übernahm die Bundeswehr nach der Wende, für Eppelmann ist dies „gelebte, vollzogene Einheit Deutschlands“. Eine Vielzahl Ehemaliger „ist integriert in unsere demokratische Gesellschaft“. Viele Ex-Offiziere sind in der Wirtschaft untergekommen, etwa in gewerblichen Sicherheitsdiensten. Altkader der am 1. März vor 50 Jahren gegründeten NVA treffen sich auf Foren des Bundeswehrverbandes oder privat in Hinterzimmern. Präsent ist die Streitmacht heute vor allem in den zeitgeschichtlichen Abteilungen von Bibliotheken oder im Kino.

Schon die Geburt der DDR-Armee ging still vonstatten: Über den Anfang der 50er Jahre hinweg hatte sich deren Keimzelle, die Kasernierte Volkspolizei (KVP), schleichend militarisiert. Die Sowjets lieferten Panzer, durch Sperrholzverschalungen getarnt. Das Volk sollte nicht beunruhigt werden. „In der ersten Zeit rückten wir aus der Kaserne aus, die MGs in Decken gewickelt“, erzählt Bohlig.

Eroberung des Westens festgelegt

Für Eppelmann, heute Vorsitzender der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Vergangenheit“, war die NVA mit ihren zuletzt rund 200.000 Mann „Stütze des DDR-Systems“. 98 Prozent der Offiziere hatten ein Mitgliedsbuch der alles bestimmenden Partei SED. Umgekehrt war durch Wehrausbildung an Schule, Lehre und Uni oder die Kampfgruppen in den Betrieben auch das Militär in der öffentlichen Gesellschaft verwurzelt. Immerhin: Als einzige der Ostblock-Armeen erlaubte die NVA Wehrpflichtigen, aus Gewissensgründen ohne Waffe Dienst zu leisten.

Die NVA führte niemals Krieg, sagt Eppelmann, „wurde aber gesteuert von einer Spitze, die das durchaus getan hätte“. Von den Sowjets angefordert, wäre die NVA 1968 gegen die Demonstranten des „Prager Frühlings“ oder 1980/81 gegen die polnische „Solidarnosc“-Gewerkschaftsbewegung aufmarschiert. Detailliert war in NVA-Szenarien für die Eroberung des Westens festgelegt, wer öffentliche Posten wie den des Kölner Oberbürgermeisters erhalten solle, schildert Eppelmann. Ebenso lagerten in NVA-Bunkern deutschsprachige Straßenschilder, „um der NVA das Fahren durch die Niederlande zu erleichtern“.

Khakifarbene Uniform

Oberschüler Bohlig hatte 1950 die zehnte Klasse geschmissen, er wollte Flieger werden. Nach den Februarferien zog der 18-Jährige in die 10. KVP-Bereitschaft Hohenstücken bei Brandenburg ein. „Ein Kumpel hatte mir dort das Bett schon vorbereitet.“ Er lernt das Sprengen von Hindernissen, Karabinerschießen, das Exerzieren und wird Truppen-Pionier, der nachrückenden Kampfeinheiten den Weg zum Gefechtsfeld frei schlägt. In diesen Jahren war das Verhältnis der DDR zum Westteil Deutschlands noch entspannt, „Selbst auf unseren Streicholzschachteln wurde für die Wiedervereingung Deutschlands geworben“, erinnert sich Bohlig. Doch später, mit der Gründung von Nato und Warschauer Pakt, verschärft sich der Ton, es geht militärischer zu.

Anfang März 1956 tauscht Bohligs Einheit ihre khakifarbene KVP-Bekleidung gegen eine steingraue Uniform und tritt im Potsdamer „Luftschiffhafen“ zum Gründungsappell der DDR-Armee an. Auf dem Kopf bald den hügelförmigen NVA-Stahlhelm, den die DDR selbst nach Rumänien und China exportierte, wie Bohlig erzählt. Der zum Verteidigungsminister ernannte KVP-Hauptverantwortliche Willi Stoph schlägt sein Hauptquartier im nahe Berlin gelegenen Strausberg auf. Fortan schwören alle Rekruten einen Eid auf den erstarkenden Arbeiter-und-Bauern-Staat, der 24-jährige Bohlig wird verpflichtet im Angriffsfalle „den Gegner auf seinem Territorium vernichtend zu schlagen“. 1962 führte Stophs Nachfolger Karl-Heinz Hoffmann die Wehrpflicht ein.

Krasser Widerspruch zur Realität

Damit dies nicht fehlschlägt, schickt Bohlig als Ausbildungsleiter sein Pionierbatallion zu Übungen mit Pontons und schwerem Gerät durchs Land: „In 18 Minuten stand die Brücke über die Havel.“ Zwischen Volk und Militär herrschte ein „einmaliges Verhältnis“, erzählt er heute: Wenn Pionier-Leitposten des nachts an Straßenkreuzungen der anrückenden Wagenkolonnen harrten, „kamen die Menschen und brachten Kaffee und Kuchen“. Beim „Ortsbiwak“ in einem Ort bei Tangerhütte nahmen seine Soldaten Quartier bei Dorfbewohnern. „Beim Aufbruch am Morgen warf die Bauersfrau den Soldaten noch ein Stullenpaket ins Führerhaus.“

Für Eppelmann „ein krasser Widerspruch zwischen Realität und Wahrnehmung“: Sympathiebekundungen dieser Art habe sich der Staat selbst organisiert. „Aber es war nicht Wille, nicht Sache des Volkes“. Bohlig verteidigt noch heute - 73-jährig - die Ideologie der DDR, inbegriffen den Schießbefehl gegen Republikflüchtlinge: Es sei nur darum gegangen, Grenzverletzungen zu verhindern. Abgedrückt wurde, „weil man nicht wissen konnte, ob es ein Spion ist oder ein Krimineller“, der da den Sperrwall zu überwinden suchte. Auf das Konto der Schützen gehen die knapp 600 Mauertoten an innerdeutschen Grenzen.

Waffen verschwunden

Nach 1983, als Zivilangestellter, wacht Bohlig über Materialressourcen und Budget beim Bau von Offiziers- und Ledigenheimen, Sanitär- oder Schießanlagen in Kasernen zwischen Prora und Schneeberg. Tausende „Spatensoldaten“, die den Waffendienst verweigert hatten, arbeiteten im NVA-Baubatallion an Standorten wie Eggesin und Premnitz, aber auch an Regierungsbaustellen wie der Berliner „Charité“ oder dem Palast der Republik, „um die DDR-Wirtschaft nicht zu belasten“, erzählt Bohlig. Versuchte einer der lokalen Befehlshaber, auf kurzem Wege Mauerziegel oder Zement abzuzweigen, wurde „hart zugegriffen, schließlich war es Volksvermögen, was da verschleudert wurde.“

Ab Oktober 1990 ist auch Bohlig Angestellter der Bundeswehr. In seinen Erinnerungen an seine letzten Jahre im heutigen Einsatzführungskommando in Geltow schneidet die Bundeswehr vor allem in Sicherheitsfragen schlechter ab als die NVA. Darüber, dass die Volksarmisten aus Angst vor Indiskretionen allabendlich den Inhalt aller Büro-Papierkörbe verbrannten oder abends Trakt für Trakt die Bürotüren versiegelten, „hat die Bundeswehr nur gelacht“. Doch was in drei Jahrzehnten zuvor undenkbar war, wurde in Geltow, wie Bohlig schildert, wenige Tage nach der NVA-Übernahme Realität: „In der Waffenkammer wurde eingebrochen, mehrere Maschinenpistolen waren weg.“ Verschwunden seien die Waffen bis heute. ...zurück von Tilman Steffen