| Berlin,
17. September 2005. Schwere Wolken hängen über
Berlin. Noch ist es trocken. Die Temperaturen liegen da, wo
die SPD im Frühjahr mit ihren Umfragewerten war. Menschen
in Wetterjacken füllen den Gendarmenmarkt in der Ostberliner
Mitte, wo die SPD adiesem kalten Frühherbst-Freitagabend
in einem letzten Kraftakt unentschlossene Wähler mobilisieren
will.
Der
Platz neben Schinkels klassizistischem Schauspielhaus und
dem Museum für Parlamentarismus ist so groß wie
ein Fußballfeld. Dort wo das eine Tor stünde, erhellen
Scheinwerfer eine Bühne, deren Größe auch
die Rolling Stones oder U2 kompromisslos akzeptieren könnten.
Zwei omnibusgroße Videoschirme zeigen, was auf dem Podium
gerade passiert. Am Baugerüst des Französischen
Doms, auf der gegenüberliegenden Seite, verheißt
ein Großplakat, welches Handy man kaufen soll.
Die Volksparteien haben
zum offiziellen Ende des Wahlkampfs die Hauptstadt unter sich
aufgeteilt: Kanzler Schröders Unions-Herausforderin Angela
Merkel sammelt ihre Anhänger am Tempodrom, einem derzeit
insolventen Kulturtempel im Stadtteil Kreuzberg. Die Linkspartei
hat den Palast der Republik besetzt, eine der letzten SED-Relikte.
Am weitesten weg vom begehrten Kanzleramt ist die FDP, die
Liberalen feiern sich sich in Wiesbaden.
Einzelne rote Luftballons
trudeln in den bedrohlich grauen Himmel über den Gendarmenmarkt,
vorbei an den Ferngläsern der Sicherheitspolizisten auf
den umliegenden Dächern.
Unten am Boden gibt es
Bier in Bechern, den Drittelliter Warsteiner für 2,50
Euro. Die Menschen ziehen die Schultern hoch und wärmen
sich von innen mit gebratenen Nudeln und Würsten.
Sie kommen, „weil
es superknapp ist“ in den Wahlumfragen, sagt einer.
Und weil sie „nicht die Kröte schlucken wollen“,
dass Merkel Kanzlerin wird, ein anderer. Andere haben das
Vertrauen in einen Sieg ihrer Partei längst verloren
und sind da, „weil auch die Stärke der Opposition
entscheidet“. Die Jungen sind da, weil im Vorprogramm
der Rapper „Cappuccino“ rappt und ihn die Band
„Jazzkantine“ die Grooves dazu liefert.
Inmitten der Masse steht
ein Mann im gelben Oberhemd, saugt an einer Zigarette, in
der freien Hand eine Traube gelber FDP-Luftballons. Neben
ihm verfolgt eine Horde Jungliberaler das Bühnenprogramm,
einer trägt ein „Juli“-Schlüsselband
um den Hals. Wer will, kann einen Luftballon haben.
Auch der Protestler von
den Berliner Hartz-IV-Montagsdemos ist da und hält sein
Holzkreuz hoch mit dem Schriftzug auf dem Querbalken: www.Schröder-a.de.
Obenauf leuchtet eine rote Glühlampe.
„Cappuccino“
hat ein schwarzes Basecap auf dem Kopf. Als die Rappergilde
fertig, erklärt „Cappuccino“ dem Moderator
noch, dass er schon seit anderthalb Jahren SPD-Mitglied ist
und dass die Leute „genau hinsehen“ sollen, wen
sie wählen und dann „aus dem Bauch heraus entscheiden“.
Die Menschen warten auf
den Kanzler. Doch zuerst kommt Ursula Engelen-Kefer vom DGB
auf die Bühne. Es dämmert in Berlin und Engelen-Kefer
bringt die Videoschirme zum leuchten. Sie trägt ein knallrotes
Kleid. Engelen-Kefer war einst scharfe Kritikerin Schröders,
wegen der Hartz-Reformen. Das wirkt offenbar noch immer: „Rot-Grün
will uns auseinander bringen und den Sozialstaat kaputt machen“,
ruft sie in das hingehaltene Mikrofon des Moderators.
Noch einige Sekunden spricht
sie, dann begreift die Masse den Fauxpas. Leichtes Raunen,
dann erste Pfiffe. Der Moderator nimmt das Mikro zurück:
„Ich glaube, sie meinen...“ Natürlich meint
Engelen-Kefer Schwarz-Gelb, und das sagt sie dann auch noch.
Die Menschen johlen und pfeifen, zu viele verübeln ihr
den späten den Meinungsschwenk zum Kanzler hin.
Als Klaus Wowereit spricht,
beginnt es zu tröpfeln, die ersten
Regenschirme schnappen auf. Der Regierende Bürgermeister
von Berlin fragt, warum die SPD so gut ist. Und da keiner
antworten kann, tut er es selbst. „Weil die Menschen
sich nicht täuschen lassen“. Dann spricht er über
soziale Gerechtigkeit, die globalisierte Welt und preist Schröder,
der „Herz gezeigt hat“, als er den Irak-Krieg
ablehnte. Die fünfstöckigen Häuserfassaden
am Gendarmenmarkt werfen die Worte zurück. Wenn Applaus
aufbraust, zeigen die Videowände die Massen.
Dann sollen die Leute sehen,
wie es Deutschland mit der SPD geht, sagt der Moderator. Die
Wahlkampfregisseure spielen aus dem Hintergrund einen Film
auf die Videowände. Er zeigt wirklich schöne Bilder
der Alpen, er zeigt die Bankenhochhäuser in Frankfurt,
die Autofabriken von VW. Die Jungliberalen unter den gelben
Luftballons spotten: „Das kann nicht sein“. Sie
vermissen in dem Film die Arbeitslosen und die Staatsschulden.
Dann soll der Kanzler kommen.
Minutenlang zeigen die Schirme die Straßenecke am Gendarmenmarkt,
wo Schröder vorfahren wird. Doch sichtbar sind nur grüne
Markisen des Weinrestaurants Lutter & Wegener, telefonierende
Polizisten laufen durchs Bild.
Auf den Videoschirmen hat
selbst der wolkenverhangene Himmel über der regennassen
Straßenschlucht eine blaue Farbe. Dann kommt der Kanzler,
allseitig beschirmt von Sekundanten. Die Kanzlergattin ist
dabei und der Tross der SPD-Bundesminister von Bulmahn bis
Struck. Sie schütteln Hände des Publikums, die Kameras
sind ganz dicht dran.
CSU-Chef Stoiber schlug
einmal der Länge nach hin, als er mit zuviel Schwung
die Stufen einer Parteitagsbühne erklomm. Schröder
nimmt den Weg zum Podium in drei mächtigen Sätzen,
wendet sich und reckt die Hände nach oben zur Siegerpose.
Die Menschen jubeln. Auf den Videoschirmen schwenken „Acker“-Pappschilder
ins Bild. So nannten seine Freunde Schröder, als er noch
in seiner Heimat Fußball spielte.
Dann spricht Günter
(?)Grass. Um Grass zu verstehen, muss man gut zuhören,
weil in seinen Sätzen das Verb immer am Ende kommt. „Merkel
und Stoiber hätten uns in den schrecklichen Irak-Krieg
geführt“, liest er vom Blatt. Sein Beruf ist zu
schreiben und nicht zu reden. Doch Grass’ Umgang mit
Sprache ist brillant, die Masse jubelt, als er seinen Erzfeind
Stoiber „bekannt für seine Haspelsätze“
rhetorisch in den Boden rammt.
Stoiber bleibt nicht das
einzige Opfer. „Auch ein Innenminister Schily ist unter
einer Rot-Grünen Regierung besser kontrollierbar als
Herr Beckstein“. Die Videowand zoomt auf den Kanzler,
der biegt sich vor Amüsement. Grass’ Wahlkampfrede
wird zum Kulturbeitrag. Polit-Unterhaltung in Zeiten, da –
glaubt man den Umfragen - die Unregierbarkeit des Landes droht.
SPD sollen die Menschen wählen, „weil wir weit
und breit nichts besseres haben“, sagt Grass.
Dann betont Franz Müntefering,
dass jetzt mehr Menschen studieren als vor sieben Jahren,
als Rot-Grün die Regierung übernahm. Der SPD-Chef
schimpft auf die „Merkels, Kirchhofs und Westerwelles“
und spricht von der konsequenten Haltung der deutschen Sozialdemokratie,
angefangen von den Ermächtigungsgesetzen (die SPD war
dagegen), bis zum Mauerbau (SPD war auch dagegen). Dann verabschiedet
sich Müntefering biss zum Wahlabend in seiner Heimatsprache,
auf sauerländisch: „Deutschland gut, Gerd Schröder
als Kanzler gut – Glück auf“.
Zur Tagesschau-Zeit geht
der Kanzler ans Pult. Er hat das Wahlkampf-Stimmregister gezogen,
eine ins Grölen spielende Tongebung, die die Wichtigkeit
der bevorstehenden Wahlentscheidung unterstreichen soll. Schröder
spricht vom teuren Öl, von der Kernenergie, von „Blüten
im rechten Sumpf“, seine Rechte schlägt bei jedem
Schlagwort auf einen imaginären Tisch neben dem Mikrofon.
Später sind seine Gesten die eines Flehenden, Bittenden.
Schröder wirbt für das, was die Videoschirme auf
Plakaten hinter ihm zeigen: „Vertrauen in Deutschland“.
Bis Schröder kam,
hat es in Strömen geregnet. Doch der Gendarmenmarkt ist
voller Menschen, unter Schirmen, Regencapes, oder in Klarsichtfolie
gehüllt. Keiner ging. „Es wird nie aufgegeben,
so lange die Sozialdemokraten in diesem Land etwas zu sagen
haben“, endet der Kanzler nach einer halben Stunde.
Dann gehen alle.
16.000 waren es zum Schluss, hat der Moderator gesagt. Die
Menschen drängen sich um die Marktstände am Rand
des Platzes, wo Helfer feilbieten, was sich die Wahlkampfmanager
ausgedacht haben. T-Shirts mit dem Schriftzug „Ich will
merkellos sein“, mit „Sonntag wählen gehen“
bedruckte papierne Türklinken-Anhänger für
die Mobilmachung auch des letzten Wahlberechtigten. Noch ein
Tag bis zur Wahl. ...zurück
von
Tilman Steffen
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