| Er
will es nicht mehr hören, er kann es nicht mehr
hören. „Ich mag sie nicht mehr, diese Ossi-Wessi-Diskussion“.
Ralf Engels energische Gesten verteilen den Rauch seiner
Lucky Strike in der Luft unter dem Ziegelgewölbe.
Ulrike Engel
schäumt heiße Milch auf für Cappuccino.
Ralf Engel kommt aus Hamburg, als Bankkaufmann und Betriebswirt
weiß er, wie Kredite zu prüfen sind oder
Marktsegmente zu erschließen. Heute besitzt er
den Meisterbrief für Gebäudereinigung. Engel
sitzt aufrecht auf einem der Holzstühle an dem
schweren Küchentisch. Sprungbereit, um bei Bedarf
höchste Aktivität zu entfalten. Engels Name
steht für Service, Schnelligkeit, Zuverlässigkeit.
Heute ist Engel Inhaber der gleichnamigen Gebäudereinigungsfirma
in Großschönau. Seine Mitarbeiter putzen
Schulen, Behörden, Baumärkte oder Busse zwischen
Leipzig und Zittau.
Ulrike Engel, aufgewachsen in Wiesbaden, ist Goldschmiedemeisterin.
In der Oberlausitz ohne Chance, diesen Beruf auszuüben.
Engels leben in Großschönau, einem 6.000
Einwohner großen Dorf, aus dem Textilfabrikanten
Frottéhandtücher oder Damasttischdecken
exportieren. Wenn demnächst an ihrem Denkmal geschützten
Umgebindehaus am Fluss die Apfelbäume blühen,
ist es das achte Jahr, dass die Engels von der Alster
an die Mandau wechselten.
1995 erkundete Ralf Engel im Auftrag eines Dienstleistungsunternehmens,
wieviel Arbeit es im Osten für Putzfirmen geben
könnte. Er verhandelte hinter verschlossenen Türen,
Ulrike Engel inspizierte derweil die Ortschaften. Auch
der Termin in Großschönau war so verlaufen.
Doch schon auf der Rückfahrt schmiedete sie Umzugspläne.
Betört vom Charme der Umgebindelandschaft überzeugte
sie ihren Mann, Ralf Engel zog mit. „Wenn wir
Norddeutschland verlassen, dann hierher“, sagt
er. Die Aussicht auf den eigenen Neustart ließ
die beiden Enddreißiger auf die Vertrautheit des
saturierten Hamburger Großstadtmilieus verzichten.
„Wir wollten selbst etwas machen, die Wende von
1989 war die Chance dazu“, sagt sie. Als im Juni
`95 der Möbelwagen vorfuhr, war ihr einziges Startkapital
die für den Dienstleister erstellte Marktstudie.
Der Auftraggeber hatte Engels Konzept nicht für
aussichtsreich gehalten, doch Engel vertraute seiner
eigenen Arbeit.
Das Engelsche Umgebindehaus schmiegt sich unter die
Äste eine jahrhundertealten Eiche. „1789“
ist in den Schornstein gemeißelt, die benachbarte
Scheune ist knapp hundert Jahre jünger. Für
Engels war es normal, bestehendes zu erhalten, „Wir
wollten nicht auf die grüne Wiese“. Während
er die Firma strukturierte, sanierte sie das Haus. Ulrike
Engel ist mittlerweile „zur Umgebindefachfrau
geworden, allein durchs zuhören“. Sie sprach
mit Denkmalpflegern, Handwerkern, sie setzte sich auch
durch, als der Dachdecker die alten Ziegel vom Wohnhaus
nicht wieder verwenden wollte. Sie beließ eine
windige Brettertür an ihrem Platz, anstatt sie
durch das Neuzeitmodell mit Gummidichtung zu ersetzen.
Ihr Interesse für Haus und Hof brachte beiden Anerkennung
der Nachbarn ein: „Wir sind nett aufgenommen worden“,
erinnert sie sich. Doch neue, wirkliche Freunde zu finden,
„hat ein bischen gedauert“.
In Engels Küche herrscht ständig Bewegung.
Zum Telefonieren muss er mit dem Handy raus auf den
Hof, damit die Funkverbindung nicht abreißt. Ralf
Engel ist ein strukturierter Mensch. Bleibt der Gesprächsfaden
nicht straff genug, muss er innere Unruhe unterdrücken.
Die Oberlausitzer sollten ihre Chancen nutzen, betont
er. Die Nähe zu Osteuropa, das eine Fundgrube für
engagierte Investoren ist, die Nähe zu Russland
als bisher „ungesättigten Markt“. Der
Zigarettenrauch konserviert seine Gesten für Momente
in der Küchenluft. „Für die Leute hier
ist das Glas immer halb leer“, sagt Ulrike Engel.
In Großschönau wollen sie vorleben, dass
es halb voll ist. Mindstens.
Begonnen haben sie in einem 16 Quadratmetern kleinen
Büroraum, unweit der Küche. Heute managen
Mitarbeiter den Papierfluss der Firma im weitläufigen
Dachgeschoss der benachbarten der Scheune, disponieren
von dort aus Material und Arbeitskräfte. Eine geschmiedete
Wendeltreppe windet sich zwischen den mächtigen
Deckenbalken in die Oberetage hinauf. Vorbei an lehmverputzten
Wänden und manch nostalgischem Kleinkram, der zu
einem Landhaus gehört. Hinter einer der restaurierten
Brettertüren liegt das komfortable Badezimmer.
Das gesamte Gebäude ist ein Musterbeispiel für
respektvollen Umgang mit ländlicher Baualtsubstanz,
zum Tag des offenen Denkmals kommen die Besucher und
Schauen.
Den Preis für ihren Neubeginn waren Engels bereit
zu zahlen: Übrig vom Hamburger Freundeskreis blieben
zwei Menschen. Zu weit ist der Weg nach Sachsen, aber
auch „zu viele Vorurteile sind in den Köpfen“,
sagt Ulrike Engel. Auch sei ihr der endgültige
Abschied vom Goldschmiedeberuf nicht leicht gefallen.
Es blieben die klassische Rolle der Haus- und Hofmanagerin,
die beiden Söhne Till (6) und Moritz (12), Telefondienst
für die Firma und als Hobby „sorbische Eier
kratzen“. Ganz selten schmiedet sie noch edles
Metall: Dann entstehen walnussgroße silberne Klangkugeln,
die sie als Schlüsselanhänger an besonders
treue Kundschaft verschenkt. Für die Büroarbeit
in der Firma sei sie nicht geschaffen, sagt die Tochter
thüringischer Pfarrersleute. Im Alltags-Mix aus
Arbeits- und Privatleben trägt sie auf der Familienseite
zum Unternehmenserfolg bei. ...zurück
Von Tilman Steffen
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