home

 
+++medien

+++die Webseite für Planer, Blattmacher, CVDs von Tageszeitungen und Magazinen

_________________________________________________________

 
TEXT und BILD AUSWÄHLEN, ABDRUCKEN, HONORIEREN
TEXT und BILD AUSWÄHLEN, ABDRUCKEN, HONORIEREN
zurück
zurück
WER WIR SIND UND WAS WIR MACHEN
WER WIR SIND UND WAS WIR MACHEN
WER DAHINTER STECKT
WER DAHINTER STECKT
PRESSEMITTEILUNGE UND INFOS AN UNS
PRESSEMITTEILUNGE UND INFOS AN UNS
Wie oft und wo dürfen Texte und Bilder genutzt werden? Die allgemeinen Geschäftsbedingungen
Wie oft und wo dürfen Texte und Bilder genutzt werden? Die allgemeinen Geschäftsbedingungen
   
  EMAIL TELFAX POSTADRESSE EMAIL TELFAX POSTADRESSE
  IMPRESSUM
 
 
     
     

 

 
   
 
 
Das Glas ist halb voll
Großschönau. 29. Jan. 2003

Er will es nicht mehr hören, er kann es nicht mehr hören. „Ich mag sie nicht mehr, diese Ossi-Wessi-Diskussion“. Ralf Engels energische Gesten verteilen den Rauch seiner Lucky Strike in der Luft unter dem Ziegelgewölbe.

Ulrike Engel schäumt heiße Milch auf für Cappuccino. Ralf Engel kommt aus Hamburg, als Bankkaufmann und Betriebswirt weiß er, wie Kredite zu prüfen sind oder Marktsegmente zu erschließen. Heute besitzt er den Meisterbrief für Gebäudereinigung. Engel sitzt aufrecht auf einem der Holzstühle an dem schweren Küchentisch. Sprungbereit, um bei Bedarf höchste Aktivität zu entfalten. Engels Name steht für Service, Schnelligkeit, Zuverlässigkeit. Heute ist Engel Inhaber der gleichnamigen Gebäudereinigungsfirma in Großschönau. Seine Mitarbeiter putzen Schulen, Behörden, Baumärkte oder Busse zwischen Leipzig und Zittau.


Ulrike Engel, aufgewachsen in Wiesbaden, ist Goldschmiedemeisterin. In der Oberlausitz ohne Chance, diesen Beruf auszuüben. Engels leben in Großschönau, einem 6.000 Einwohner großen Dorf, aus dem Textilfabrikanten Frottéhandtücher oder Damasttischdecken exportieren. Wenn demnächst an ihrem Denkmal geschützten Umgebindehaus am Fluss die Apfelbäume blühen, ist es das achte Jahr, dass die Engels von der Alster an die Mandau wechselten.


1995 erkundete Ralf Engel im Auftrag eines Dienstleistungsunternehmens, wieviel Arbeit es im Osten für Putzfirmen geben könnte. Er verhandelte hinter verschlossenen Türen, Ulrike Engel inspizierte derweil die Ortschaften. Auch der Termin in Großschönau war so verlaufen. Doch schon auf der Rückfahrt schmiedete sie Umzugspläne. Betört vom Charme der Umgebindelandschaft überzeugte sie ihren Mann, Ralf Engel zog mit. „Wenn wir Norddeutschland verlassen, dann hierher“, sagt er. Die Aussicht auf den eigenen Neustart ließ die beiden Enddreißiger auf die Vertrautheit des saturierten Hamburger Großstadtmilieus verzichten. „Wir wollten selbst etwas machen, die Wende von 1989 war die Chance dazu“, sagt sie. Als im Juni `95 der Möbelwagen vorfuhr, war ihr einziges Startkapital die für den Dienstleister erstellte Marktstudie. Der Auftraggeber hatte Engels Konzept nicht für aussichtsreich gehalten, doch Engel vertraute seiner eigenen Arbeit.


Das Engelsche Umgebindehaus schmiegt sich unter die Äste eine jahrhundertealten Eiche. „1789“ ist in den Schornstein gemeißelt, die benachbarte Scheune ist knapp hundert Jahre jünger. Für Engels war es normal, bestehendes zu erhalten, „Wir wollten nicht auf die grüne Wiese“. Während er die Firma strukturierte, sanierte sie das Haus. Ulrike Engel ist mittlerweile „zur Umgebindefachfrau geworden, allein durchs zuhören“. Sie sprach mit Denkmalpflegern, Handwerkern, sie setzte sich auch durch, als der Dachdecker die alten Ziegel vom Wohnhaus nicht wieder verwenden wollte. Sie beließ eine windige Brettertür an ihrem Platz, anstatt sie durch das Neuzeitmodell mit Gummidichtung zu ersetzen. Ihr Interesse für Haus und Hof brachte beiden Anerkennung der Nachbarn ein: „Wir sind nett aufgenommen worden“, erinnert sie sich. Doch neue, wirkliche Freunde zu finden, „hat ein bischen gedauert“.


In Engels Küche herrscht ständig Bewegung. Zum Telefonieren muss er mit dem Handy raus auf den Hof, damit die Funkverbindung nicht abreißt. Ralf Engel ist ein strukturierter Mensch. Bleibt der Gesprächsfaden nicht straff genug, muss er innere Unruhe unterdrücken. Die Oberlausitzer sollten ihre Chancen nutzen, betont er. Die Nähe zu Osteuropa, das eine Fundgrube für engagierte Investoren ist, die Nähe zu Russland als bisher „ungesättigten Markt“. Der Zigarettenrauch konserviert seine Gesten für Momente in der Küchenluft. „Für die Leute hier ist das Glas immer halb leer“, sagt Ulrike Engel. In Großschönau wollen sie vorleben, dass es halb voll ist. Mindstens.


Begonnen haben sie in einem 16 Quadratmetern kleinen Büroraum, unweit der Küche. Heute managen Mitarbeiter den Papierfluss der Firma im weitläufigen Dachgeschoss der benachbarten der Scheune, disponieren von dort aus Material und Arbeitskräfte. Eine geschmiedete Wendeltreppe windet sich zwischen den mächtigen Deckenbalken in die Oberetage hinauf. Vorbei an lehmverputzten Wänden und manch nostalgischem Kleinkram, der zu einem Landhaus gehört. Hinter einer der restaurierten Brettertüren liegt das komfortable Badezimmer. Das gesamte Gebäude ist ein Musterbeispiel für respektvollen Umgang mit ländlicher Baualtsubstanz, zum Tag des offenen Denkmals kommen die Besucher und Schauen.


Den Preis für ihren Neubeginn waren Engels bereit zu zahlen: Übrig vom Hamburger Freundeskreis blieben zwei Menschen. Zu weit ist der Weg nach Sachsen, aber auch „zu viele Vorurteile sind in den Köpfen“, sagt Ulrike Engel. Auch sei ihr der endgültige Abschied vom Goldschmiedeberuf nicht leicht gefallen. Es blieben die klassische Rolle der Haus- und Hofmanagerin, die beiden Söhne Till (6) und Moritz (12), Telefondienst für die Firma und als Hobby „sorbische Eier kratzen“. Ganz selten schmiedet sie noch edles Metall: Dann entstehen walnussgroße silberne Klangkugeln, die sie als Schlüsselanhänger an besonders treue Kundschaft verschenkt. Für die Büroarbeit in der Firma sei sie nicht geschaffen, sagt die Tochter thüringischer Pfarrersleute. Im Alltags-Mix aus Arbeits- und Privatleben trägt sie auf der Familienseite zum Unternehmenserfolg bei.
...zurück

Von Tilman Steffen